Altägyptische Werkzeuge im Kunsthistorischen Museum


Altägyptische Werkzeuge und Beispiele zur Steinbearbeitung aus dem Saal VI im Wiener Kunsthistorischen Museum


PA110370.JPGDer Saal VI des Kunsthistorischen Museums (KHM) in Wien gehört zur Ägyptisch-Orientalischen Sammlung. Hier befinden sich neben Ausstellungsobjekten zum Thema Fischfang oder Ackerbau einige sehr interessante Beispiele zur Steinbeabeitung und zur Herstellung von figuralen Plastiken. Die Säle der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung waren längere Zeit wegen Umbaus gesperrt und wurden vor kurzem wieder der Öffentlicheit zugänglich gemacht. Neben einer Verbesserung der technischen Ausstellungsqualität (Beleuchtung etc.) - oder vielleicht sollte man sagen: "Veränderung" der Ausstellungsräume - erfolgte auch eine Neuaufstellung und Neuordnung der Sammlung. Letztere ist teilweise heute noch im Gange, was vor allem häufige Besucher bei den Kleinfunden manchmal in Verwirrung bringt. Man besucht die Sammlung am besten zu jenem Zeitpunkt, wo man sie auch vor der Neugestaltung besuchte: an einem hellen Tag. Nur so hat man eine Chance, den Vorteilen moderner Beleuchtungstechnik zu entgehen.

PA110371.JPGEine zentrale Stellung dieses Raumes nimmt das Thema der Herstellungstechnik von Figuren ein. Mehrere Exemplare halbfertiger Kleinstatuen geben einen gute Einblick in die verschiedenen Stufen bildhauerischer Tätigkeit. Man trifft diesbezüglich immer wieder auf "alte Bekannte" - also auf Exponate, welche schon auf zahlreichen Ägyptenausstellungen der letzten Jahrzehnte zu finden waren. Dies zeigt, daß das KHM hervorragende Stücke besitzt und läßt einen den bislang ausständigen Sammlungskatalog verschmerzen. Man kann hier in vielen Fällen auf ältere Ausstellungskataloge zurückgreifen: "Gott - Mensch - Pharao. 4000 Jahre Menschenbild in der Skulptur des alten Ägypten" (1992), "Die Pyramiden Ägyptens - Monumente der Ewigkeit" (2004) um nur zwei jüngere zu nennen.

PA110380.JPGEine Wandvitrinie enthält Beispiele für Bronzepinzetten, Steingewichte, Kugeln und Ringe. Hier findet man die schon öfters ausgestellte modrne Kopie jener altägyptischen Elle, deren Original aus Memphis stammt und das sich heute in Turin befindet. Zahlreiche kleine, oft nur millimeterbreite Kupfermeißel wurden für die Herstellung von Flachreliefs und anderer Plastiken verwendet. Zwei Amulette stellen einen Rechten Winkel und eine Richtwaage. Sie entsprechen als Miniaturwerkzeuge jenen Vorbildern die bei der Bautätigkeit in größerem Maßstab zur Anwendung gelangten. Einige spindelförmige Steingegenstände sind wohl als Teile eines Senklots zu interpretieren.

PA110383.JPGPA110384.JPGWeniger glücklich ist die Aufstellung der Exponate in der Mittelvitrine zu nennen. Die Vitrine hat zwar den Vorteil, daß man die figürlichen Plastiken von drei Seiten näher in Augenschein nehmen kann, die trendige "Juwelierauslagen- Beleuchtung" läßt jedoch so manches Detail der Oberfläche und der Bearbeitungsspuren unter einem Schlagschatten verschwinden. Neben Steinkugeln, die wohl in älterer Zeit zur Bearbeitung dienten, findet sich auch der Holzklipfel (auch Klüpfel genannt, wohl kaum aber Knüpfel!), der zum Treiben der Kupfer- oder Bronzemeißel diente und starke, aber charakteristische Gebrauchsspuren aufweist. Dieses typische Bildhauerwerkzeug unterscheidet sich kaum von jenen, die noch heute von Steinmetzen und Bildhauern verwendet werden.

PA110390.JPGFür die verschiedenen Bearbeitungsstufen einer Bildhauerplastik lohnt sich das Studium der Bearbeitungsspuren an den halbfertigen (bossierten) Standbildern. Im linken Bild: Rückenansicht einer unfertigen Knie-Figur mit Naos aus der Spätzeit (6. Jh. v. Chr.), die vielleicht als "verschlagen" aufgegeben wurde. Daneben, im Profil und am Nebenbild frontal, eine weitere Figur eines Naosträgers.

Bei genauerer Betrachtung der kleineren Statue sind bereits die Umrisse einer Osirisfigur bestimmbar, allerdings weist die Kleinplastik ebenfalls Merkmale einer mißlungenen ("verschlagenen") Gestaltung auf - besonders augenfällig wird das bei den viel zu dünn ausgearbeiteten Armen der Osiris-Statuette und bei den Proportionen dieser Figur in der Seitenansicht spürbar. Die "gepunktete" Oberflächenbearbeitung verrät, daß hier ein Spitzmeißel zur Anwendung gelangte.

Alle drei Figuren weisen jede in sich unterschiedliche Bearbeitungstufen auf, während bei vergleichbaren Exemplaren etwa in den Museen von Boston, New York oder Berlin jeweils zur Gänze eine bestimmte Beabeitungsphase abgeschlossen wird, bevor die nächste begonnen wird.

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Kopf des Baefba (auch Babaef). Rechts Statue des Babaef aus dem KHM (Ausstellung Schallaburg 2004)

PA110391-1.JPGDie hohe Kunstfertigkeit der Kalzitbearbeitung ("Alabaster") ist durch den Kopf einer Statue vertreten,die mit dem hohen Beamten Baefba identifiziert wird (AR, 5. Dyn., ca. 2400 v. Chr.). Letztere kann übrigens im KHM vor Ort geprüft werden, da sich in der Sammlung noch eine weiter Kalzitplastik befindet. Das Fragment belegt, daß etwa die Augen aus einem anderen Material (Glas) eingelegt waren, was sicherlich zu einer eindrucksvollen Erscheinung der Statue beigetragen hat. Zum Vergleich wurde in der Vitrine zwei linke (!) Augen zu einem Augenpaar zusammengestellt, die ebenfalls aus der Zeit der 5. Dynastie stammen.

PA110395.JPGPA110393.JPG  Ein interessantes Bildhauermodell befindet sich in der Mitte der Vitrine. Es ist eine fast quadratische Kalksteinplatte (ca. 11, 5 cm, Stürke ca. 1,6 cm) aus der Spätzeit (4. - 3. Jh. v. Chr.). Es ist wohl ein Bildhauerlehrstück und zeigt auf einer Seite ein äußerst fein ausgearbeitetes Bildnis eines Falken. Das Gefieder und die Schuppen an den Beinen sind durch Ritzungen in einem hohen realistsichen Maße kenntlich gemacht. Andererseits weisen die erhabenen Ränder des Reliefs noch die Ritzungen eines Meß- bzw. Proportionsrasters auf, die wohl absichtlich für Anschauungszwecke belassen wurden. Die Rüchseite ist zut Gänze von einem eingeritzten Quadratraster überzogen. Drei um den Mittelpunkt der Platte mit dem Zirkel angerissene Kreise lassen ei näherer Betrachtung sogar erkennen, daß der Verfertiger dieses Stückes mit der Tücke der Technik zu kämpfen hatte: der Zirkel hat sich während des Zeichnens aufgezogen, sodaß eine Art Spirale entstand.

PA110394-2.JPG PA110394-1.JPG

Das KHM besitzt zwar nur ein einziges Ostrakon (griechisch "Tonscherbe". Ostraka dienten im alten Ägypten als eine Art "Skizzenbuch"), dafür ist es eines der größten, bisher bekannt gewordenen aus Kalkstein (39 x 42 cm). Das Ostrakon zeigt in hell- und dunkelrot die Profilansicht eines Königskopfs mit Atefkrone. Die Darstellung wird mit der Person Ramses IV. in Verbindung gebracht (NR., 20. Dynastie, um 1150 v. Chr.) Dank der "Inszenierung" der Beleuchtung ist man für eine genauere Betrachtung auf die Abbildungen in älteren Ausstellungskatalogen angewiesen.

 

Dieser Beitrag ist als Ergänzung zu den auf der Ausstellung "Die Pyramiden Ägyptens - Monumente der Ewigkeit" (2004) ausgestellten Werkzeugen gedacht:


 P5226520.JPG  P5226520-1.JPG  P5226523.JPG

Von den zahlreichen in den Hauptsälen aufgestellten Stelen ist im Hinblick auf Bearbeitungsspuren die Stele für den Schreiber Dhut-Mose bemerkenswert. Die Kalksteintafel mit Spuren von Bemalung und Vergoldung (Objektbeschriftung) stammt vermutlich aus Abydos (18. Dyn., Zeit des Thutmosis' IV., 1412 - 1402 v. Chr.) und läßt gut den Unterschied zwischen der äußerst feinen Oberflächengestaltung der Schauseite und den groben Zuschlagspuren der Seitenflächen erkennen. Hier wurde ein schmaler Meißel verwendet, der nach durchschnittlich zwei bis vier direkt am Werkstück geführten Hieben versetzt wurde. Charakterstisch ist die leicht schräge Meißelführung, wie sie auch heute noch bei Steinmetzen üblich ist. Eigenartig sind gewisse Ungenauigkeiten bei der Ausführung der Reliefdarstellung - wie etwa die nach unten abgebogene Standlinie im obersten Register unmittelbar hinter dem Thron des Osiris -, die man bei einer so sorgfältig ausgearbeiteten Oberfläche nicht erwarten würde.

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Moderne Bearbeitung eines Kalksandsteinblocks mit Klüpfel und Meißel. Das Werkzeug wird unter ständigem Kontakt mit der Steinoberfläche mit der Linken gleitend geführt und der Rechten "getrieben". Die Werkzeugscheide wird dabei leicht schräg zur Kante gehalten und der Meißel als Ganzer schräg zur Steinoberfläche.

 

(Stand 28. 3. 2006)

 

 

 

 

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