Der ehemalige Lesehof des Hochstiftes Passau in Klosterneuburg

Der ehemalige Lesehof des Hochstiftes Passau in Klosterneuburg


Baugeschichte und Rekonstruktion der spätmittelalterlichen Verbauung im Bereich des neuen Stadtmuseums und der neuen Musikschule

Rudolf Koch, Wien



Ansicht der Straßenmeisterei vor den Grabungen von 1995 (oben) und der neuen Musikschule
mit dem Stadtmuseum (unten). Aquarell von K. Audetat, 1998, aus der Erstpublikation:
J.-W. Neugebauer et. al. Von der Herren Hof von Passau. Vom römischen Lagerdorf
zum mittelalterlichen Lesehof, Stadtmuseum Klosterneuburg 1998.

(Folie 1 einer Vorlesung am Inst. f. Kunstgeschichte d. Univ. Wien:
R. Koch, Bauarchäologie und Bauforschung des Mittelalters, SoSem 2005)

Einleitung


Zur Methode der Bauforschung

Die Befunde aus bauhistorischer Sicht



Gebäude A: "Chorhof"
Gebäude B: "Kellergebäude"
Gebäude C und D: Turm und Begrenzungsmauer mit Laufgang
Gebäude E: Arkadenbau
Gebäude F: Quertrakt

Zusammenfassung



Einleitung




Bei den 1995 bis 1996 durchgeführten Grabungen im Bereich der Liegenschaft Kardinal-Piffl-Platz 8 wurden die Fundamente und teilweise auch das aufgehende Mauerwerk von insgesamt sechs dem Mittelalter zuordenbaren Gebäudekomplexen aus Stein erfaßt. Spätere Eingriffe in die Bausubstanz, rigorose Abtragungen und Veränderungen der Bodenniveaus und nicht zuletzt die Lage des ergrabenen Bereiches überliefern diese baulichen Strukturen nur im fragmentierten Zustand. Von den in der Folge mit A - F bezeichneten Gebäudeteilen sind lediglich die Gebäude B und C in ihrem Grundriß nahezu vollständig erhalten. Der größte Gebäudekomplex A ist wahrscheinlich zu zwei Drittel seiner ursprünglichen Länge erfaßt, Gebäude E möglicherweise zu drei Viertel seiner Längserstreckung. Die Existenz eines weiteren Gebäudes (F), das vermutlich den Abschluß der mittelalterlichen Verbauung im NO zum heutigen Kardinal-Piffl-Platz (ehemals Buchberggasse bzw. Tullnergasse) bildet, ist durch einen teilweise angeschnittenen, winkelförmig verlaufenden Fundamentrest gesichert. Die Gebäude A, B und C bildeten mit einer Umfassungsmauer D vermutlich eine geschlossene Hofarchitektur. Weitere Fundamentreste innerhalb dieses Hofes lassen auf eine Einfriedung schließen. Kellereinbauten und Gebäudeteile (I, H) aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, verschiedene Pfostensetzungen und Gruben aus dem Mittelalter und älteren Epochen sowie ein rezenter Brunnen sollen hier nicht weiter behandelt werden.

 

Zur Methode der Bauforschung


Trotz der teilweise rigorosen Störungen und Reduzierung der baulichen Strukturen in nachmittelalterlicher Zeit scheint es möglich, die baulichen Überreste der gotischen Gebäudekomplexe zumindest in ihrer Entstehungsgeschichte und ihrem Typus zu erfassen. Da es sich bei den mittelalterlichen Gebäuden fast ausschließlich um Profanarchitektur handelt, die - bedingt durch die Anpassung an unterschiedliche Nutzungen - einen hohen Grad an individueller Formgebung aufweist, sind Aussagen, welche über den archäologischen Befund und das daraus resultierende Grundrißmodell hinausgehen, naturgemäß problematisch. Verschiedene erhaltene Baudetails wie Grundrißtypus, Strebepfeiler und Gewölbeansätze bieten jedoch Anhaltspunkte für eine über den ergrabenen Bestand hinausgehende Interpretation des aufgehenden Baukörpers.

Weitere Informationen, die einer Rekonstruktion dienlich sind, ergeben sich aus den Resten der ehemaligen Ausstattung und aus den vereinzelt gefundenen Architekturteilen. Konstruktive Merkmale, vor allem der Deckenkonstruktionen des Gebäudes A, können aus den dort im Abbruchschutt vorgefundenen verkohlten Resten von Trambalken abgeleitet werden. Hier erweist sich insbesondere die genaue Lage der baulichen Reste im Schutt, welche durch die sorgfältige Grabungstechnik dokumentiert ist, als aussagekräftig. Raum- und Gebäudehöhen sind aufgrund des fragmentarischen Erhaltungszustandes der Gebäudegrundrisse lediglich aus Analogieschlüssen erhaltener Bauten und allgemeinen Baugepflogenheiten der mittelalterlichen Profanarchitektur anzunehmen. Zumindest kann jedoch aus der Bauweise der erhaltenen Fundamente und den Resten der Wandvorlagen auf die Mehrgeschossigkeit eines Gebäudes geschlossen werden.

Ein wichtiges Problem bildet die Datierung der einzelnen Gebäude als Grundlage für eine Baugeschichte des Gesamtkomplexes. Da schriftliche Urkunden im Sinne von Baunachrichten fehlen, beruht die Datierung der Einzelgebäude auf einer Analyse der Mauerstruktur, dem Baugefüge, dem Grundrißtypus und schließlich auf den schichtmäßig zuordenbaren und datierbaren Funden. Aus dem Baugefüge ergibt sich zunächst eine relative Chronologie: Jüngere Gebäude werden an ältere angebaut oder überlagern diese. Die Bauweise des Mauerwerks ändert sich im Laufe der Zeit, sodaß an der Mauerstruktur das ungefähre Alter des Bauwerks ermittelt werden kann. Gleiches gilt für den Typus des Gebäudes. Die genaueste Datierung ermöglichen architektonische Schmuck- und Ausstattungsformen wie die Profile von Kämpfern und Basen. Gleichbedeutend sind die Ergebnisse aus der Datierung der archäologischen Funde, insbesondere dann, wenn die damit zeitlich bestimmte Bodenschicht mit der Architektur in Verbindung gebracht werden kann. Hier erweist sich die Zusammenarbeit zwischen Archäologie und Bauforschung als besonders nützlich.

Die Befunde aus bauhistorischer Sicht


Gebäude A: "Chorhof"

Gebäude B: "Kellergebäude"

Gebäude C und D: Turm und Begrenzungsmauer mit Laufgang

Gebäude E: Arkadenbau

Gebäude F: Quertrakt

(Folie 3)

Gebäude A: "Chorhof"


img015.jpgDas Gebäude A bildet vermutlich die südwestliche Begrenzung des Gesamtkomplexes. Erschlossen wurde ein rechteckiger Baukörper von mindestens 18 m Länge und 7,3 m lichter Breite bei einer Mauerstärke von durchschnittlich 1,2 m. Im SO lief dieser Bau über die Grabungsgrenzen hinaus. Die Westecke des Außenbaus ist durch eine ca. 0,5 m vorspringende und 1, 5 m breite, um die Gebäudekante verlaufende Eckgliederung verstärkt. Strukturell ist diese Eckgliederung auch an der N-Ecke zu erkennen; sie wurde jedoch um eine zum Gebäude B (Kellergebäude) verlaufende Mauerzunge in Art eines über 3 m ausgreifenden Strebepfeilers ergänzt. Während im Grabungsbereich die südwestliche Längsmauer ungegliedert verläuft, wurden an der nordöstlichen Längsmauer ein senkrecht abzweigender Mauerblock von 1, 5 m Breite und ein weiterer strebepfeilerartiger Ansatz von etwa 0,8 m Breite angeschnitten. Der weitere Verlauf dieser beiden Fundamentblöcke ist durch den Einbau eines Kellers (Gebäude I) aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert verunklärt.

Der ergrabene Innenraum wird durch flache Wandvorlagen von 0,9 m Breite und 0,4 m Tiefe in zwei leicht längsrechteckige Joche unterteilt. Ansätze einer weiteren Wandvorlage konnten in der südlichen Ecke an der Grabungsgrenze angeschnitten werden. Eine gleichartige Wandvorlage ist sinngemäß in der Ostecke zu rekonstruieren. Hart an der Grenze dieser zu ergänzenden Wandvorlage verläuft eine dreistufige Treppe in den Innenraum. Dem Grabungsbefund nach ist sie ist allerdings erst nachträglich in die ältere Architektur eingestellt worden.

Die südliche Wandvorlage weist einen schwach ausgebildeten, gemauerten flachen Sockel auf und geht kapitellos in den Ansatz eines Gurtbogens über. Das gänzlich ergrabene Wandpfeilerpaar an der südwestlichen bzw. nordwestlichen Längswand ist nur in seinem untersten Bereich erhalten, bricht jedoch dann schräg ab, wobei die aufgehende innere Wandschale teilweise ausgerissen ist. Dieser Bauschaden läßt darauf schließen, daß sich hier ebenfalls ein Gurtbogen befand. Es ergibt sich daraus eine innere Dreiteilung des Gebäudes mit zwei symmetrisch gestalteten Jochen von durchschnittlich 8,3 mal 7,2 m lichter Weite. Die Lage des später im Stiegenbereich umgestalteten Zuganges läßt - zusammen mit der vermuteten ursprünglichen Parzellengröße - ein weiteres Joch von gleicher Grö&ße annehmen. Der somit dreijochig konstruierbare Bau hätte demnach eine innere Länge von rund 27 m lichter Weite besessen und wäre schon aus diesem Grunde als repräsentatives Hauptgebäude der Gesamtanlage zu interpretieren.

img023.jpgVom Obergeschoß des mittleren Joches stammen die figuralen Fliesen des 14. Jahrhunderts, welche im Schutt des um drei Stufen eingetieften Erdgeschosses gefunden wurden. Wichtig für die Rekonstruktion ist die Interpretation der Fundlage. Wie aus einer statistischen Analyse der Funddichte abzuleiten ist, häufen sich die Fliesen in annähernd vier "Quadranten" des mittleren Joches. Außerdem wurden im Schutt annähernd parallel zur Schmalseite des Gebäudes verkohlte Balkenreste einer Deckenkonstruktion gefunden. Bauschutt, der auf ein gewölbtes Erdgeschoß schließen ließe, fand sich nicht. Der Befund ließe sich wie folgt interpretieren:

Der dreijochige Erdgeschoßraum war mit einer Balkendecke versehen, welche durch einen mittleren Längs-Unterzug unterstützt war. Die Gurtbögen über den flachen Wandvorlagen bildeten Schwibbögen, die aufgrund des Befundes an der südlichen Wandvorlage als Halbkreis zu rekonstruieren sind.

Eine Abschätzung der Höhenverhältnisse des Erdgeschoßraumes ergibt sich aus den ergrabenen Niveauvs bei der Stiegenanlage bzw. der Wandvorlage mit Sockel. Das Außenniveau bei der Stiegenanlage ist durch einen Estrich bei 200,56 m gesichert. Das mittlere Bodenniveau im Inneren von Gebäude A liegt bei der Wandvorlage mit Sockel bei ca. 200,42 m und der Gewölbeansatz bei 202 bis maximal 202,26 m. Bei einem äußeren Bogenradius von rund 3,6 m kann daher mit einer Gesamtraumhöhe des Erdgeschosses von ca. 5 bis 5, 2 m gerechnet werden.

img024.jpgDer Längs-Unterzug der Balkendecke ruhte im Scheitel der Schwibbögen auf. Die eigenartige Anhäufung der Schuttlagen des Fliesenbodens gegen die Raumecken zu spricht dafür, daß bei der Zerstörung des Gebäudes durch Brand zunächst die nicht unterstützten Teile der Decke eingebrochen sind und so das "Abrutschen" des darüberliegenden Fliesenbodens gegen die Außenmauern bewirkten.

Die beiden rekonstruierbaren Schwibbögen wären für eine Unterstützung des Längs-Unterzuges nicht unbedingt notwendig gewesen, hier hätte ein Quer-Unterzug über Stützen (mit Sattelholz?) genügt. Außerdem sind die Wandvorlagen leicht differenziert: Die südliche ist durch einen Sockel architektonisch betont. Es stellt sich daher die Frage nach der statischen Notwendigkeit der Schwibbögen. Zunächst ist festzuhalten, daß im Bereich des nordwestlichen Joches keine Fliesen gefunden wurden. Die Verteilung der Fliesen auf das mittlere Joch und das eindeutig sakral bestimmte ikonographische Programm der Fliesendarstellungen belegen im mittleren Joch des Obergeschosses einen Sakralraum, der sich nicht auf das nordwestliche Joch erstreckte. Eine Fortsetzung des sakralen Bereiches nach SO wäre im Sinne eines Altarraumes denkbar. Der nordwestliche Schwibbogen hätte somit eine Trennwand mit Türöffnung getragen, welche in eine zweijochige gerade geschlossene Kapelle mit figuralem Fliesenboden führte.

Wichtig in diesem Zusammenhang sind zwei im Abbruchschutt gefundene Architekturteile der Ausstattung. Es ist dies ein oktogonal geformtes Lavabo aus Leithakalk mit Ausgußkanal. Das Profil des Beckenrandes mit Schräge, Kehle und Wulst ist eindeutig gotisch und diente dazu, während der Meßhandlung anfallendes Wasser (liturgische Händewaschung) nach außen zu leiten. Teile dieses Becken wurden im mittleren Joch zwischen den Fliesen gefunden und wiesen eine starke Brandrötung auf, stammen daher aus dem Kapellenraum des Obergeschosses.

Weitere Bruchstücke aus Kalkstein gehören zu mindestens zwei verschiedenen Kämpferprofilen, wobei eines sicher als Kämpferkapitell der Wandvorlagen im Obergeschoß diente. Sie tragen einen mehrfachen und teilweise pastos aufgetragenen weißen Kalkanstrich. Die Fundlage zwischen dem Fliesenschutt entspricht dem des Lavabo.

Das Profil dieser Kämpferstücke setzt sich aus zwei eng aneinandergereihte Wülsten mit relativ tiefer Unterschneidung zusammen. Leider fehlt der untere Abschluß des Profils, sodaß eine genaue Datierung offen bleiben muß. Die Profilierung mit einem Doppelwulst und die Abflachung des größeren Wulstes erinnert noch an spätromanisch-frühgotische Formen. Eine Datierung der Kämpferprofile in die Zeit ab der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts wäre denkbar.

Aufschluß über die Fassung des Obergeschosses geben einzelne Bruchstücke von Wandverputz. Der relativ dicke Kalkmörtelputz ist mit der gleichen weißen Kalktünche versehen wie die Kämpferprofile und zeigt Reste einer linearen roten Bemalung. Einzelne Bruchstücke stammen von der Laibung eines Portales oder eines Fensters und sind an den Kanten rot gefaßt. Wenngleich die Verputzreste keine nähere Rekonstruktion einer Architekturfassung zulassen, ist darauf hinzuweisen, daß weiße Flächen mit aufgemalten roten Architekturgliederungen im Sakralbau im späten 13. und 14. Jahrhundert nachzuweisen sind.

img027.jpgMit dem Nachweis eines relativ aufwendig gestalteten zweijochigen Sakralraumes im Obergeschoß stellt sich die Frage nach der Erschließung. Die beiden unterschiedlich dimensionierten Mauerzungen an der NO-Seite des Gebäudes stehen laut archäologischem Befund im Verband mit der Längsmauer. Die stärkere Mauerzunge liegt im Bereich der inneren Wandvorlage, ist jedoch mit 1, 5 m Breite wesentlich mächtiger als die Längsmauer dimensioniert, während die parallel dazu in 1 m Abstand ansetzende Mauerzunge mit 0,8 m Stärke eindeutig für ein den Langmauern entsprechendes Strebepfeilersystem unterdimensioniert ist. Es ist daher wenig wahrscheinlich, daß sich diese Mauern über die Störzone des Kellers aus dem 19. Jahrhundert weiter fortsetzten; sie können als Mauerblöcke interpretiert werden, welche als Unterbau für eine Außentreppe zum Obergeschoß dienten. Diese oft hypertroph wirkenden Substruktionen werden durch einen steigenden Unterzug für die Stufen verbunden. Die Treppenanlage hätte somit - an der Nordecke beginnend - entlang der Längsmauer ins Obergeschoß geführt, wobei der Zugang in das Joch vor der Kapelle zu lokalisieren wäre.

Im Bereich der ergrabenen Fundamente war der Außenbau bis auf die Eckverstärkungen ungegliedert. Diese Eckverstärkungen sind als umgeklappte Lisenen zu interpretieren. Es sind dies Vorformen des gotischen Strebepfeilersystems, mit dem Unterschied, daß die Breite des "Pfeilers" noch nicht den Tiefenquerschnitt übersteigt. Ähnliche Kantengliederungen mit flachen Lisenen finden sich im Wiener Sakralbau ab der Mitte des 13. Jahrhunderts (z. B. Michaelerkirche, Querschiff) und gehören dem spätromanisch-frühgotischen Übergangsstil an. Die wie ein überbreiter Strebepfeiler wirkende Mauerzunge zwischen Gebäude A und B gehört bautechnisch zu Gebäude A. Ihre statische Funktion und ihr Zweck kann heute nicht mehr eruiert werden, da bei der Grabung praktisch nur mehr der unterste Teil erfaßt wurde. Möglicherweise bildete die Mauerzunge zusammen mit einem Vorgängerbau von Gebäude B die Abtrennung zu dem dahinterliegenden Hofraum, der allerdings erst in einer zweiten Phase entstand.

Zusammenfassend ergibt sich aus den Befunden und der daraus ableitbaren Rekonstruktion ein dreijochiger, zweigeschossiger repräsentativer Hauptbau mit zweijochiger Kapelle im Obergeschoß und Außentreppe an der nordöstlichen Längsmauer. Eine Erbauung ab der Mitte des 13. Jahrhunderts und die Identifizierung mit dem in den Urkunden erwähnten "Chorhof" wäre möglich.

Gebäude B: "Kellergebäude"


img016.jpgAnnähernd parallel zum Gebäude A wurde in einer zweiten Phase Gebäude B errichtet. Der in das Bodenniveau eingetiefte rechteckige Keller von 10 x 6 m lichter Weite bei einer Mauerstärke von 1,1 m ist architektonisch am besten erhalten. Im Grundriß zeichnet sich ein klar von Gebäude A zu unterscheidendes architektonisches Gefüge ab. An der Stirnseite, wo der achsial liegende Kellerabgang erhalten blieb, befindet sich an der Ostecke ein diagonal anlaufender Strebepfeiler. Sein Pendant bildet die Zungenmauer von Gebäude A, welche im Aufgehenden von der Ecke des Gebäudes B umfangen wird. Das Kellergebäude B ist daher stratigraphisch jünger als der "Chorhof" A. Ein weiteres Strebepfeilerpaar befindet sich in der Mitte der Längswand. Die Rückwand hatte an der Westecke kreuzförmig angeordnete Strebepfeiler, während sie sich an der Nordecke nach einem Knick in der Bauflucht noch mindestens 10 m fortsetzte. Im Gegensatz zum "Chorhof" A ist das Kellergebäude B als voll ausgebildeter gotischer Strebepfeilerbau anzusprechen. Die Anlage von relativ eng stehenden Strebepfeilern an einem doch relativ kleinen Bau läßt auf ein schweres Gewölbe, etwa ein Kreuzgratgewölbe, schließen. Außerdem scheinen beim Bau in der Nordecke massive statische Probleme aufgetaucht zu sein, den hier greifen zwei Konterbögen über die Ecke hinweg. Das an dieser Stelle schräg nach Norden abfallende Gelände, die Konterbögen, das Abschwenken der Bauflucht und die relativ massiven und eng gesetzten Strebepfeiler sind offensichtlich durch die instabile Statik des Geländes (ein ehemaliger Bachverlauf?) bedingt. Die Lösung des Problems mit Konterbögen an der Fundamentsohle deutet jedenfalls auf einen erfahrenen Baumeister hin.

img017.jpgAn der Südwestseite des Kellerraumes hat sich eine alternierende Reihe von steil abfallenden Fenstersohlbänken und flachen Rechtecknischen erhalten. An der gegenüberliegenden Längswand, die stark durch spätere Eingriffe gestört war, kann eine ähnliche Konzeption rekonstruiert werden. In der Stirnwand sind beiderseits des Eingangs zwei in Höhe und Konstruktion unterschiedliche Nischen angebracht, welche vermuten lassen, daß auch hier eine spätere Abänderung im baulichen Konzept notwendig war.

Das Kellergebäude diente, wie Funde nahelegen, der Weinlagerung. Die erforderliche Belüftung erfolgte durch die seitlichen Fensterreihen an den Längswänden, wobei querrechteckige Fensterrahmungen anzunehmen sind. In der Regel sind solche Keller gewölbt.

Die Fortsetzung des Kellergebäudes nach NO bildet eine in Dimensionierung und Struktur dem Hauptbau gleichartige Mauer. Ob sich zu diesem Zeitpunkt hier bereits weitere Massivbauten befunden haben, kann wegen der Störungen durch spätere Einbauten nicht mit Sicherheit entschieden werden. Zumindest die nordöstliche Längsmauer des Kellergebäudes B blieb zunächst unverbaut, wie aus der Lage des mittleren Strebepfeilers an der nordöstlichen Längsmauer abzuleiten ist. Erst mit der Errichtung des stratigraphisch jüngsten Gebäudes E wurde die Langseite des Kellergebäudes B verbaut. Wie noch gezeigt werden soll, geschah dies wahrscheinlich im späteren 15. Jahrhundert.

img029.jpgEine engere Datierung des Kellergebäudes B erweist sich als schwierig. Der "Chorhof" A trägt mit seiner architektonischen Gliederung durch Ecklisenen noch altertümliche Züge aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Das Baugefüge und der Typus des Kellergebäudes mit seinem stilistisch fortschrittlicheren Strebesystem könnte schon bald danach entstanden sein. Im 15. Jahrhundert, als man Gebäude E errichtete, bestand das Kellergebäude jedenfalls schon längere Zeit. Als Kriterium für eine nähere zeitliche Differenzierung von "Chorhof" A und Kellergebäude B soll die Struktur des Mauerwerks herangezogen werden.

Die Mauern der Gebäude A und B bestehen aus örtlichem Flyschsandstein. Sie sind Schalenmauern, wobei die Mauerspeise zwischen den beiden Bruchsteinschalen als Mörtel-Stein-Gemisch eingebracht wird. Der Aufbau erfolgt in einzelnen Schichtkompartimenten, welche von sorgfältigen horizontal ausgerichteten Ausgleichsschichten kleinerer Steinformate gegliedert werden.

Beim Mauerwerk des Gebäudes A wird versucht, die einzelne Schichthöhe durch geeignete Steingrößen beizubehalten. Es finden sich sehr häufig kleine Steinplättchen als Ausgleich pro Schicht; vereinfacht ausgedrückt, die Mauer wird Schicht für Schicht angepaßt.

Auch das Mauerwerk B verläuft in Schichten, allerdings werden diese zu jeweils 0,4 bis 0,5 m hohen Paketen zusammengefaßt und dann durch plattige Steinlagen horizontal abgeglichen. Dadurch ergibt sich optisch eine oft über die gesamte Länge der Mauer durchlaufende "Bänderung". Innerhalb dieser Schichtpakete erfolgt abschnittsweise ein rascher Wechsel in den Steinformaten.

Aus allgemeinen Untersuchungen zum mittelalterlichen Bruchsteinmauerwerks ist bekannt, daß die Entwicklung vom Schicht für Schicht verlegten Mauerwerk zu immer höheren Schichtpaketen übergeht, wobei im ausgehenden Mittelalter die Höhe der Ausgleichschichten mit den Arbeitshöhen (1 - 1,5 m) zusammenfällt. Die Regellosiigkeit des Mauerwerks zwischen den Schichten nimmt ebenfalls zu, bis schließlich in der frühen Neuzeit der Übergang zum vollkommen regellosen Bruchsteinmauerwerk erfolgt.

Aus der Sicht dieser hier nur sehr grob angedeuteten Entwicklung - sie stellt bloß eine Variante dar - geht hervor, daß das Mauerwerk des Gebäudes A den älteren Typus vertritt, andererseits zeigt das Mauerwerk des Gebäudes B noch nicht die Merkmale eines Mauerwerks des späteren 14. Jahrhunderts.

Gebäude C und D: Turm und Begrenzungsmauer mit Laufgang


img018.jpgAn der Westecke des "Chorhofes" A schließt in Verlängerung der Bauflucht ein im Grundriß annähernd quadratisches Gebäude C von rund 3, 5 m Ausmaß an. An dessen Nordecke bindet ein einzelner diagonaler Strebepfeiler ein. Das bis auf 2,5 m unter das ehemalige Außenniveau fundamentierte Gebäude ist unschwer als Turm zu interpretieren, der an seiner "Feldseite" zwischen der Westecke des "Chorhofes" A und an seiner anderen Ecke durch eine freistehende Mauer (D) in Fortsetzung der Kapellenflucht statisch eingespannt ist. Die "freie Ecke" sichert der diagonale Strebepfeiler. An diesem statischen System wird deutlich, daß, vom architektonischen Konzept her gesehen, die freistehende Mauerflucht baulich für die Sicherung des Turmes notwendig ist. Diese mit Fuge an den Turm angebaute Mauer zeigt jedenfalls, daß der Baumeister um das unterschiedliche Setzungsverhalten zwischen derart abweichend fundamentierten Baukörpern wußte.

img028.jpgDie freie Begrenzungsmauer D weist noch ein weiteres ungewöhnliches bautechnisches Detail auf. Wahrscheinlich wurden vor dem Hochziehen der Mauer im Abstand von 1,8 - 2 m quadratische Pfosten errichtet, welche wesentlich tiefer als die Mauer fundamentiert waren. Im Querschnitt werden die Pfosten halb vom Mauerwerk umfangen bzw. wurden sie unmittelbar nach dem Aufrichten ummauert. Die tiefere Fundamentierung der Pfosten gegenüber der Mauer und ihr Einbeziehen in den Mauerverband stellt eine fachwerkartige Aussteiffung des Mauerwerks dar - ein weiterer Hinweis auf Probleme mit deer Bodenfestigkeit. Allerdings wäre es dazu nicht notwendig gewesen, die Pfosten nur halb einzumauern. Beispiele von Mauerankern und vertikalen Balkenlagen im Mauerwerk finden sich während des gesamten Mittelalters im Wehrba. Es liegt der Schluß nahe, daß diese Pfosten sekundär für einen Laufgang dienten, welcher außerdem den Zugang zum Turm ermöglichte. Letzterer bietet ja bei einer lichten Weite von knapp 2 m kaum Platz für eine Innentreppe.

Für eine nähere Datierung dieser beiden Bauphasen fehlen unmittelbar datierbare Baudetails, doch können unter anderem die bautechnischen Lösungen herangezogen werden. Der erstaunlich hoch entwickelte Umgang in der Lösung von statischen Problemen und die damit verbundene Differenzierung in der Bautechnik erinnert an den Baumeister des Kellergebäudes B mit seinem Strebesystem und den Konterbögen. Es läge also nahe, auch den Turm und die anschließende feldseitige Begrenzungsmauer im zeitlichen, wenn nicht sogar personellen Zusammenhang mit dem Erbauer des Kellergebäudes B zu sehen. In dieser Bauphase wurde anscheinend das gesamte Areal des Lesehofkomplexes einer Umbau- und Erweiterungsphase unterworfen, welche auch den älteren Bau des "Chorhofes" aus dem 13. Jahrhundert (Neugestaltung des Kapellenraumes?) betrifft. Darin liegt möglicherweise eine Erklärung für die Bedeutung des "campanileartigen" Turmes C, den man im Zusammenhang mit der Kapelle im "Chorhof" und einem nach außen sichtbaren Zeichen der Repräsentation sehen sollte.

Die Erstreckung der Verbauuung zwischen "Chorhof" A, Turm C, Begrenzungsmauer D und Kellergebäude "B" nach Nordwesten konnte nicht ergraben werden. Die Parzellenstruktur, der Geländeverlauf und die Baufluchten lassen vermuten, daß hier ein annähernd rechteckiger Binnenhof zu rekonstruieren ist. Dafür spricht auch eine an die Nordwestmauer des "Chorhofes" angebaute, kaum fundamentierte Mauer von maximal 0,3 m Stärke, die am ehesten als Begrenzung für eine gärtnerische Nutzfläche zu deuten ist.

 Gebäude E: Arkadenbau


img019.jpgDer stratigraphisch jüngsten mittelalterlichen Bauphase ist eine schräg an die nordöstliche Längsmauer des Kellergebäudes B anlaufende Mauer mit strebepfeilerartigen Vorsprüngen zuzurechnen. Sie verläuft fast parallel zu jener Mauer, welche sich aus der nordwestlichen Rückmauer des Kellergebäudes B entwickelt und sich nach einem deutlichen Knick in der Bauflucht nach Nordosten fortsetzt. Dieser ältere Mauerzug bildete offensichtlich die nordwestliche Begrenzungsmauer des mittelalterlichen Lesehofkomplexes und setzte sich nach Nordosten fort. Die an das Kellergebäude B angestellte Mauer mit einer durchschnittlichen Mauerstärke von 1 m ist wesentlich seichter fundamentiert. An ihrer Hoffront konnten vier engstehende, 0,8 bis 1,1 m weit vorragende Zungenmauern festgestellt werden, wobei sich zwischen der zweiten und dritten Zungenmauer ein Portal befand, dessen Schwelle sich erhalten hatte. Weitere, allerdings stark gestörte Mauerzüge waren laut Befund teilweise an die hofseitige Mauer angebaut, teilweise greifen sie in die ältere Begrenzungsmauer ein. Eine nähere zeitliche Bestimmung oder Interpretation ist wegen des stark gestörten Befundes nicht möglich.
 

img030.jpgDie Reihe von vier hofseitigen Wandpfeilern läßt zunächst an Strebepfeiler, welche den seitlichen Schub von Gewölben aufnehmen sollten, denken. Die relativ enge Abfolge an der nur mäßig fundamentierten Mauer des Gebäudes E spricht jedoch gegen diese Interpretation. Zahlreiche Beispiele spätmittelalterlicher Arkadenhäuser geben eine andere Erklärung. Die Zungenmauern gehören zu einer Reihe von Konsolpfeilern, die ein Arkadengeschoß tragen, eine architektonische Lösung, welche im ausgehenden Spätmittelalter eine häufig angewandte Gestaltungsmöglichkeit für Hoffassaden darstellte. Das Gebäude E hatte demnach ein Obergeschoß und verdeckte einen Großteil des älteren Kellergebäudes B. Im Zuge dieser Verbauung scheint man auch die Fenstersituation an der Ostecke des Kellergebäudes B und die Anordnung der Lichtnischen in der Südost-Wand verändert zu haben. Für die Datierung des Arkadenbaus E gibt es aufgrund des spärlichen Mauerbefundes nur wenig Anhaltspunkte. Im Schutt der Außenecke zwischen Kellergebäude B und Arkadenbau E wurden allerdings Bruchstücke glasierter Dachziegel und Firstziegel gefunden, welche die Datierung des spätgotischen Bautypus in die Zeit ab der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts nahelegen.
 

img031.jpgÜber den Binnenaufbau des Gebäudes liegen keine Befunde vor. Spätere Einbauten sind zeitlich und strukturell nicht eindeutig einzuordnen. Der mittlere Strebepfeiler der nordöstlichen Längsmauer des Kellergebäudes B dürfte schon im 15. Jahrhundert im Aufgehenden entfernt worden sein.

Die weitere Erstreckung des Arkadenbaus nach Nordosten bleibt ungewiß; hier hat der Bau aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts jeglichen Befund zerstört. Im Zusammenhang mit der Parzellengröße und einem weiteren Gebäude F wäre es jedoch möglich, den Arkadenbau mit einem mittleren Eingang zu rekonstruieren.
 

 Gebäude F: Quertrakt


img020.jpgEin weiteres Gebäude (F) wurde als Pendant zum "Chorhof" A an der Grabungsgrenze zum Kardinal-Piffl-Platz erfaßt. Von diesem Gebäude sind die Lage der Westecke und der Verlauf der südwestlichen Mauer auf etwa 12 m Länge gesichert. Ein unmittelbarer baulicher Zusammenhang mit den bereits beschriebenen Gebäuden ist aufgrund der eingeschränkten Grabungssituation nicht nachweisbar. Die Fundamente gehören lagemäßig zur mittelalterlichen Stratigraphie, ohne daß hier eine nähere zeitliche Zuordnung gemacht werden kann. Die konvergierenden Baufluchten des Gebäudes F und des Arkadenbaus E lassen die Interpretation eines Quertraktes als nordöstlichste Begrenzung des mittelalterlichen Lesehofkomplexes annehmen. Größenmäßig kann man sich ein Gebäude mit den Mindestmaßen des Kellergebäudes B vorstellen (Außenlänge 12 m).

Zusammenfassung


Aus der Sicht der Bauforschung ergeben sich für die mittelalterliche Verbauung des Passauer Lesehofkomplexes drei Bauphasen:

Zum ältesten Bestand gehört der "Chorhof" A mit Kapelle im Obergeschoß. Er ist als Repräsentativ- und Hauptbau zu interpretieren und dürfte schon in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden sein.

Zur zweiten Bauphase, die in die Zeit vor 1332 fällt, zählen der Kellerbau B und die Umbauung der West- und Nordseite mit dem Turm C und der Begrenzungsmauer D mit Laufgang, sowie die Begrenzungsmauer entlang der Nordwestseite. Möglicherweise bildete schon zu dieser Zeit der Quertrakt F die nordöstliche Begrenzung des Lesehofkomplexes.

Die Spätphase fällt ins ausgehende 15. Jahrhundert und wird durch die Binnenverbauung mit dem Arkadenbau an der Nordecke charakterisiert.

Nach Art der Verbauung und der Entstehungsgeschichte darf angenommen werden, daß der Lesehofkomplex ab der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts baulich im Wesentlichen abgeschlossen war. Aufgrund der Größe des "Chorhofes" A und des Quertraktes F dürfte sich das Areal des Passauer Lesehofes noch um mindestens ein Drittel der erfaßten Fläche weiter nach Südosten erstreckt haben.

 

 


 

 
 

 

 

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