Westturmanlage - Entwicklung bis elftes Jahrhundert
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DIE ENTWICKLUNG UND VERBREITUNG DES EINZELWESTTURMES BIS INS 11. JHDT.
Bereits im 9. Jhdt. deutet sich beim Typus Petersberg die Reduktion der seitl. Treppentürme gegenüber dem Mittelturm an. Die Übergangsphase zum reinen Einzelwestturm kann jedoch bei keiner Kirche im Aufgehenden erfaßt werden, lediglich in einigen wenigen ergrabenen Grundrissen, deren Zugehörigkeit zum Emporen- oder Kapellentypus offen bleiben muß. Die nicht erhaltene Pfarrkirche von Sudburg (Kreis Goslar) Taf. 19/1 zeigt in ihren Fundamenten eine Chorquadratkirche mit querrechteckigem Westbau in Breite des Saalraums, der an seiner Nordseite von einem Annex unterteilt wird. 1) Nach F. OSWALD et al (1966) 2) stammt die Kirche noch aus dem 9. Jhdt. Ob der Westbau mit der Chorquadratkirche zeitgleich ist oder noch in vorromanischer Zeit angebaut wurde, bleibt ungeklärt. Sudburg selbst war Sitz des Forestarius der Pfalz Werla und wird erst 1392 als "parrochialem ecclesiam in Sudborch" genannt. 3) Der ursprüngliche Typus des 9. Jhdts. mit symmetrischen Annexen wird hier auf eine asymmetrische Anlage reduziert, was mit den Notwendigkeiten einer "Kleinkirche" mit pfarrlichen Funktionen erklärbar sein dürfte. Auffallend ist der Typus der schmalen querrechteckigen Anlage, die vielleicht keinen direkten Zugang von außerhalb der Kirche hatte.
Ebenfalls noch dem 9. Jhdt. wird der Bau der ersten Pfarrkirche Taf.19/2 in der Kaufmannssiedlung von Braunschweig zugeordnet, 66 bei dem ein quadratischer Westbau in Verbindung mit einem Apsidensaal ergraben wurde. 4) Teile des Westbaus sind noch im Aufgehenden des Westturmes aus dem 13. Jhdt. erhalten. Nach Ansicht des Ausgräbers sprang der vorromanische Westbau um ein weniges über die Saalraumbreite hinaus und hatte einen Nordeingang, wie durch den Befund eines Schwellensteines nachgewiesen wurde. Wie in Sudburg handelt es sich in Braunschweig um einen Kleinkirchentypus.
Die Kirche von Meschede (Sauerland), eine dreischiffige Taf.19/3 Basilika mit Querflügeln, Krypta und Westturm, wurde wahrscheinlich gegen 900 als Stammkloster der Grafen von Werla errichtet. 5) Der Westbau wird durch einen quadratischen Turm, der ursprünglich ohne Westeingang war und nur im Osten eine Türe besaß, gebildet. Zwei kreuzförmige Pfeiler, heute von der Orgelempore ummantelt, sind im Mittelschiff dem um Mauerbreite eingezogenen Westturm vorgelagert. Der Befund reicht für eine nähere Bestimmung des Westbaus (mit vorgelagerter Empore?) nicht aus. Charakteristisch ist die Einziehung des an drei Seiten freistehenden Westturmes um Mauer- bzw. Pfeilerbreite des Mittelschiffs, die sich auch bei späteren Einzelwesttürmen zeigt. Meschede belegt, daß der Einzelwestturm dieses Typs an der Wende vom 9. zum 10. Jhdt. in Westfalen nachweisbar ist, und zwar unabhängig von der absoluten Kirchengröße.
Ein weiterer Vertreter dieses Typs befindet sich in der Taf.19/4 Nähe von Aachen auf belgischem Boden. Die Patronatskirche der Abtei von Stablo in Ocquier, ein karolingischer Apsidensaal, wurde vermutlich unter Abt Werenfried von Stablo 67 (954 - 980) durch eine dreischiffige Anlage mit quadratischem Mittelchor und quadratischem Westturm ersetzt. 6) über die Lage eines ev. vorhandenen Westeingangs in die Kirche gibt der Grabungsbefund keine Auskunft. Der Turm ist im Verhältnis zu Meschede stärker gegenüber dem Mittelschiff eingezogen. Dendrochronologisch kann der Westturm der Benediktinerinnenkirche Taf.20/1 von Sulzburg, eine Stiftung der Grafen vom Breisgau, die urkundlich 993 in einer Güterschenkung Ottos III. erwähnt wird, um 996 datiert werden. 7) Der quadratische Westturm wurde kurz nach Errichtung der doppelchörigen Basilika vom 4. V. d. 10. Jhdts. anstelle der Westapside aufgeführt und mit einem Westeingang versehen. Der ältere Triumphbogen des Westchores blieb im Turm erhalten. Die hohe Eingangshalle des Turmes war flach gedeckt.
Der Westturm der Pfarrkirche von Berthem (Brabant), um 1000 Taf 20/2 bzw. Anfang 11. Jhdt. zu datieren, ist gegenüber dem Mittelschiff der dreischiffigen Pfeilerbasilika mit rechteckigem Altarraum und Apsis um Mauerbreite eingezogen und besitzt keinen Zugang von außen. 8) Der bis zum Glockengeschoß erhaltene Turm wird nur von schmalen Lichtschlitzen durchbrochen und stellt den nordwestlichsten Vertreter dieses Typs im ausgehenden 10. Jhdt. auf dem Kontinent dar.
Weitere Kirchenbauten mit Einzelwesttürmen, die in ihrer Datierung zwischen dem ausgehenden 9. und 11. Jhdt. anzusetzen Taf.20/3 sind, wahrscheinlich aber bereits dem 11. Jhdt. zugeordnet werden können, sind die ehem. Kapelle in der Wüstung von Bodfeld (Harz) mit geschlossenem Westquerbau in Schiffsbreite 68 der Chorquadratkirche und die Pfarrkirche von Dompeter (Elsaß) mit achsialem Westturm in Breite des Mittelschiffs der basilikalen Anlage. 9)
Auch der Thomaskirche von Soest Taf.20/4 wurde im Anschluß an den Erstbau des B. bis 10. Jhdts. zunächst ein quergelagerter Westturm in Breite des Saalraumes angefügt und in einer zweiten Phase wurde er zu einer Anlage über quadratischem Grundriß umgebaut. Aufgrund von Keramikfunden liegt dieser Umbau zeitlich zwischen 870 und 1050. 10)
An diesen Beispielen kann man erkennen, daß der Typus des westlichen Einturmes sowohl über quadratischem Grundriß als auch in Form des riegelartigen Querbaus in Breite des Kirchenschiffs im 10. Jhdt. entstand und zu Beginn des 11. Jhdts. voll entwickelt war. In Analogie zu den mehrtürmigen Westanlagen wird hier ebenfalls mit Emporeneinbauten zu rechnen sein. Weiters sind beide Formen des Westturmes mit oder ohne achsialem Westeingang zu beobachten. Durch das Sperren des Westeinganges ergibt sich eine Grundrißdisposition, die an einen Westchor erinnert, ohne jedoch dessen liturgische Funktion zu übernehmen. Darin unter-scheidet sich der geschlossene Typus wesentlich vom echten Westchorturm, der nach E. LEHMANN (1938) 11) vom Westturm mit liturgischem Obergeschoß zu trennen ist. Von den karolingischen Westanlagen des Typus Petersberg oder den Atriumstürmen am St. Gallener Klosterplan sind zwar Altäre überliefert, welche die liturgische Nutzung der Hochgeschosse belegen, "aber das sind eben Altäre in Türmen, nicht unter Türmen". 12) E. LEHMANN (1938) verweist auf den Zusammenhang von Altären 69 mit Michaelspatrozinien und Türmen und geht auf die Argumente K. GINHARTs (1937) 13) ein, daß der Turm den Altar zu schützen hätte. Die Stichhaltigkeit dieser Deutung wurde schon weiter oben widerlegt. Außerdem beziehen sich die Überlegungen K. GINHARTs auf Ostchortürme und nicht auf den Westturm. E. LEHMANN (1938) leitet den Westchorturm, wie den Westturm überhaupt, vom Westwerk als Reduktionsform ab und verneint richtig die Möglichkeit, daß diese Westturmformen als Weiterentwicklung der Westoratorien anzusehen seien. 14)
Die Entwicklung vom Westchor zum Westchorturm sieht E. LEHMANN (1938) in der Reihe vom Westwerk von St. Pantaleon in Köln über das Essener Münster (Ende 10. Jhdt.) und den Westchor des Straßburger Münsters (1015 ff) zum voll ausgebildeten Turmchor in Reichenau-Mittelzell. 15) Eine ähnliche Entwicklungslinie erkennt er in der Umbildung der Dreiturmfront, wo häufig in ottonischer Zeit der westliche Durchgang gesperrt wird. Die treibende Kraft für diese Umdeutung der Dreiturmanlage sieht LEHMANN wieder im Vorbild Straßburg. Den Höhepunkt bildet schließlich der Imad-Turm von Paderborn, bei dem nicht mehr die Nebenräume den Turm umstellen, wie dies in Straßburg der Fall ist, sondern der Chor aus dem Turmmassiv herausgehöhlt erscheint. 16)
Mit Recht verweist E. LEHMANN (1938) auf die "Zufälligkeit" dieser Entwicklung, da die Zwischenglieder für eine überzeugende Ableitung fehlen. 17) Die unmittelbare Abfolge von Westchorapsis und Einzelwestturm mit Eingang in Sulzburg läßt vermuten, daß Ansätze zur Bildung des Westchorturmes und Zwischenglieder dazu im 10. Jhdt. in breiterer Basis 70 vorhanden waren, als dies der erhaltene Denkmälerbestand nahelegt. Auch haben neuere Grabungsbefunde in Brenz ein Altarfundament im westlichen Chor (mit Turm?) als Vorläufer der jetzt ins 12. Jhdt. zu datierenden Dreiturmanlage ergeben. 18) Die Datierung dieses vielleicht als frühen Westchorturm zu deutenden Befundes um 895 ist jedoch hypothetisch.
Die Datierung der späteren Dreiturmanlage ins 12. Jhdt. läßt erkennen, daß trotz der abgeschlossenen Entwicklung des Einzelwestturmes im 10. Jhdt. auch weiterhin mit Rückgriffen auf die ältere karolingische Dreiturmfront zu rechnen ist.
J. ERNST-WEIS (1937) hat auf einen weiteren Westturmtypus Taf. 23 im Zusammenhang mit Untersuchungen in Metz und Umgebung aufmerksam gemacht, der nicht dem Kirchenschiff vorgelagert ist, sondern sich dachreiterartig über einem Narthex erhebt. 19) Dieser Typus nimmt den integrierten Typus des romanischen Westturmes mit Emporenanlage vorweg, bei dem der Turm in die Westwand der Kirche eingezogen wird.
Die Pfarrkirchen von Vantoux und Méy, beide einschiffige Taf.23/2,5,6 Saalräume, haben einen dreiteiligen Narthex, der sich im Erdgeschoß gegen das Langhaus in einer Dreibogenstellung öffnet. 20) Über dem Mitteljoch befindet sich ein mehrgeschossiger Turm mit gekuppelten Schallfenstern. Die ursprüngliche Funktion des Raumschachtes über der hoch angesetzten Wölbung des Mitteljoches konnte bisher nicht geklärt Taf.23/1,4,3 werden. Auch die Pfarrkirchen von Scy und Baronweiler zeigen gleichartige Westanlagen, hier jedoch auf einen dreischiffigen Grundriß bezogen. 21) 71
Die Außenansicht der Westfassaden dieses Metzer Typus erinnert an die Lösung beim Typus Petersberg, der Mittelturm dominiert aber weitaus stärker über die niedrigen Seitenteile. Im Grundriß unterscheidet sich der Metzer Typus vom Petersberger dadurch, daß die Petersberger Seitenannexe voll durch eine Bogenstellung geöffnet und daher dem Kirchenschiff zugeordnet sind. Auffallend ist, daß der Metzer Typ ursprünglich keinen Westeingang besaß. 22) In Baronweiler soll im Obergeschoß des Turmes "eine Art Michaelskapelle" gewesen sein. 23)
Eine Ableitung dieser speziellen Narthex-Turm-Anlage gibt J. ERNST-WEIS (1937) nicht an und meint, daß "die Metzer Narthexform in der allgemeinen Entwicklung ohne jede Parallele, ohne Vorbild, ohne Nachahmung bleibt". 24) Als Datierung für diesen Typ nimmt J. ERNST-WEIS (1937), vor allem wegen all-gemeiner stilistischer Parallelen zum Metzer Dom,das ausgehende 10. Jhdt. an. 25)
Im Überblick gesehen zeigen die Einzelwestturmtypen mit ihrem Entwicklungsschwerpunkt in der ottonischen Epoche bereits eine ausgesprochen kunstlandschaftliche Verteilung nach bestimmten Leitformen, die auch für die gesamte weitere Entwicklung in der Romanik ihre Gültigkeit behält. Diese kunstlandschaftliche Ausrichtung steht im Gegensatz zur hoch- und spätkarolingischen Epoche mit ihrer punktuellen geographischen Verteilung ihrer komplexen Westturmanlagen bzw. Oratoriumstürmen. 72
Am auffälligsten ist der Typus des querriegelartigen Westturms, der die gesamte Breite der meist einschiffigen Chorquadratkirchen einnimmt. 26) Dieser Typus stellt die Leitform Niedersachsens dar und strahlt bis nach Westfalen aus. Charakteristikum der Außenerscheinung ist der massive ungegliederte Block vor der Westfront der Kirche, der seine Entsprechung in der sächsischen Mehrturmfront hat.
Der nieder- und oberrheinische Typus des Einzelwestturms wird durch einen vorgestellten quadratischen Bau festgelegt, der zumeist mit dreischiffigen Basiliken verbunden und um Mauerstärke gegenüber dem Mittelschiff eingezogen wird. 27) Einzige Ausnahme in dieser Gruppe bilden die um Metz lokalisierten integrierten Einzelwesttürme über einem Narthex. 28)
Vor allem in der Hoch- und Spätromanik kommt noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden geographischen Leitformen hinzu, wobei die rheinischen Westtürme in der Regel durch Lisenen stockwerkartig gegliedert werden, während das blockhaft geschlossene, ungegliederte Westmassiv gegen Niedersachsen hin zunimmt. Der Westchorturm findet sich in seinen ersten Ansätzen als Sondertypus im oberrheinischen Gebiet. 29) Die karolingischen Oratoriumstürme des Mittelrhein finden in der ottonischen Epoche keine wesentliche Nachfolge.
E. BACHMANN (1941) 30) hat für den romanischen Kleinkirchenbau eine das gesamte deutsche Einflußgebiet betreffende Untersuchung der Verteilung von Leitformen aufgestellt, die Taf.24/1 trotz ihrer wesentlichen Mängel - sie spiegelt den Wissensstand der kunstttopographischen Erfassung von 1941 wider - eine gesicherte statistische Darstellung der Hauptverbreitungsgebiete 73 romanischer Westturmkirchen gibt. Leider unterscheidet BACHMANNs Studie nur zwischen dem Langhaustyp (Apsidensaal, Chorquadratkirche und vollständige Anlage, d. h. Chorquadratkirche mit angefügter Apside) und der Turmstellung (Ost- od. Westturm), nicht aber nach dem Typus des Turmes selbst (Quertyp, vorgestellter quadrat. Typ, integrierter Typ und Westchorturm). Ein weiterer Nachteil ist die Tatsache, daß die zeitliche Entwicklung und Ausbreitung der Kirchentypen unberücksichtigt bleiben. Dennoch zeigt die Karte der Westturmkirchen ein eindeutiges Verbreitungsbild, das sich mit dem oben skizzierten Bild des 10. und 11. Jhdts. im wesentlichen deckt. Abweichungen in der Verbreitung der ottonischen Einzelwesttürme von den hoch- und spätromanischen ergeben sich aus der territorialen Entwicklung im Nordosten Deutschlands, wo Westturmkirchen im Anschluß an die ottonischen Marken vermehrt auftreten und offensichtlich vom niedersächsischen Kernraum beeinflußt werden. Weiters sind Schleswig-Holstein und Böhmen zu erwähnen. In Böhmen wird der mediterrane Apsidensaal mit dem Westturm verbunden, in der Zips sind Chorquadratkirchen mit Westturm aus Sachsen übertragen. Das mitteldeutsche Gebiet ist eine Domäne der Chorturmkirchen, wobei das ottonische Franken mit seinen Westoratorien im nichtbasilikalen romanischen Kirchenbau Chorquadratkirchen mit Ostturm zur Leitform wählt.
Die Einteilung nach den Leitformen Ostturm - Westturm in Österreich ist nach den Verbreitungskarten BACHMANNs statistisch nicht sicher zu beurteilen, da der damalige Forschungsstand keine repräsentative Stichprobe des romanischen Kirchenbaus bietet. Ungarn und Nordosteuropa wurden von Taf .24/2
74 BACHMANN überhaupt ausgeklammert, was sich aus der Einschränkung auf das "deutsche Einflußgebiet" erklärt.
Die Entwicklungsreihe von der karolingischen Westanlage über die ottonischen Einzelwestturmtypen bis zum romanischen Westturm und die weitgehend konstant bleibende territoriale Verbreitung auf Nord- und Nordwestdeutschland zeigt, daß das treibende Moment für die Entstehung der Westanlage nicht das Weiterleben nordischen Kulturgutes sein dürfte, sondern die erst unter Karl d. Gr. auftretende Tendenz, den Westteil eines Sakralgebäudes durch eine Dreiturmanlage oder ein Westwerk vertikal zu betonen. 31) Damit setzt sich die karolingische Westanlage nicht nur von der Tradition des frühchristlichen, mediterranen Kirchenbaus ab, sondern auch vom vorchristlichen nordischen Kultbau. Dieses Phänomen hat seine Erklärung im speziellen Verhältnis des karolingischen Kaisers zum spätantiken Kaiserkult (Repräsentation) und zur Kirche, wie im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt wurde. Die Weiterführung der Tendenz zur vertikalen Westbetonung des Sakralbaus unter den Ottonen ergibt sich aus dem Rückgriff der ottonischen Renaissance auf die Kunst der Karolinger, wobei die Reduktion der Westanlage vom Westwerk zur Mehrturmanlage bzw. der Dreiturmanlage vom Typus Aachen zum Einzelwestturm aus der geänderten Liturgie und der damit verbundenen Zweckbestimmung der Westanlage erklärbar ist.
Auch die Entwicklung der Westanlage vom komplexen Bauwerk der Karolingerzeit zum Einzelwestturm des 10. Jhdts. legt nahe, daß nicht vorkarolingische Typen durch Kombination mehrerer Elemente dem neuen Zweck angepaßt wurden, was bedeuten würde, daß die karolingische Westanlage lediglich 75 die Summe älterer Einzelelemente wäre, sondern es wurde eine Anlage vollkommen neu geschaffen und erst später den geänderten Bedürfnissen angepaßt. Damit verbunden ist weiters eine Änderung des Symbolcharakters und der Bedeutung der Westanlage. Kann man die karolingische Westanlage durch die zumeist nachweisbare Verbindung mit dem Umkreis des Herrschers als Hoheitssymbol auffassen, so zeigt das vermehrte Auftreten von Einzelwesttürmen an Pfarrkirchen im 10. Jhdt. ein Absinken des ursprünglichen Symbolgehalts. So wird der Einzelwestturm zu einem kunstlandschaftlichen Faktor mit dem Schwerpunkt auf der ästhetischen Außenerscheinung horizontaler und vertikaler Baumassen. Erst dort, wo der unmittelbare Zusammenhang mit dem kunstlandschaftlichen Faktor fehlt und dennoch vermehrt Westturmkirchen auftreten, wie z. B. in Zentralböhmen, Ungarn und der Zips, Taf ..24/1 muß nach einer Erklärung gesucht werden. Daß diese Verbreitungsdichten nicht auf eine autochtone Entwicklung zurückzuführen sind, sondern Übernahmen aus den typischen Westturmlandschaften in Nord- und Nordwestdeutschland darstellen, lassen schon die Verbreitungskarten bei BACHMANN vermuten. Denn zwischen die Westturmgebiete schiebt sich zunächst als Riegel die mitteldeutsche Chorturmlandschaft, welche nach Süden in die mediterran beeinflußte Kunstlandschaft turmloser Kirchen übergeht, während sie sich,soweit sie uns in Ost- und Südostösterreich erhalten blieb, noch weiter von Bayern aus fortsetzt. "Horizontalstratigraphisch" wird die Abhängigkeit der Westturmkirchen in diesen Gebieten aus Deutschland durch den Umstand gestützt, daß in der Regel diese Typengruppe nicht vor dem 11. Jhdt. nachgewiesen werden kann, während die Chorturm- und turmlosen Kirchen hier die ältere Basis bilden.
304 DIE ENTWICKLUNG UND VERBREITUNG DES EINZELWESTTURMES BIS INS 11. JHDT.
1) W. BERGERS (1963): Zur Geschichte des Werla-Goslaer Reichsbezirks vom 9. bis zum 11. Jhdt., in: Deutsche Königspfalzen I, 1963, S. 135
2) F. OSWALD et al. (1966): S. 326f
3) F. OSWALD et al. (1966): S. 326
4) F. OSWALD et al. (1966): S. 43
5) F. OSWALD et al. (1966): S. 207f; H. CLAUSSEN, V. LOBBEDEY (1967): Eine vorromanische Stiftskirche in Meschede a. d. Ruhr, Vorbericht, in: Kunstchronik 20, 1967, S.337ff
6) F. OSWALD et al. (1966): S. 244
7) F. OSWALD et al. (1966): S. 327f; E. ADAM (1960): Die Klosterkirche St. Cyriak zu Sulzburg, in: Kunstchronik 13, 1960, S. 271f
8) F. OSWALD et al. (1966): S. 36f; R. LAMAIRE (1935): La doyenne des eglises du Brabant, Berthem, in: Rev. belge d'arch. et hist. de 1'art 5, 1935, S. 289ff
9) F. OSWALD et al. (1966): Bodfeld S. 38f, Dompeter S. 62 und E. LEHMANN (1938): S. 110
10) F. OSWALD et al. (1966): S. 314f
11) E. LEHMANN (1938): S. 95ff
12) E. LEHMANN (1938): S. 95
13) K. GINHART (1937): Die bildende Kunst in Österreich, Bd. 2, Baden b. Wien 1937, S. 20
14) E. LEHMANN (1938): S. 96
15) E. LEHMANN (1938): S. 96f; Zusammenfassung des Forschungsstandes bei F. OSWALD et al. (1966): Köln S. 151ff, Straßburg S. 323f, Reichenau-Mittelzell S. 278ff
16) E. LEHMANN (1938): S. 97f
17) E. LEHMANN (1938): S. 98
18) F. OSWALD et al. (1966): S. 44f, noch mit der alten Datierung des Westbaus ins 9. Jhdt.; desgleichen: R. KLESSMANN (1952): S. 96 und E. LEHMANN (1938): S. 108.
B. CICHY (1966): Die Kirche von Brenz, Heidenheim 1966; Cichy datiert die jetzige Dreiturmanlage ins 12. Jhdt., vgl.: F. OSWALD (1967) 305 Neue Literatur zur Architekturgeschichte des Frühmittelalters, in: Kunstchronik 20, 1967, 153ff
19) J. ERNST-WEIS (1937): Früh- und hochromanische Baukunst in Metz und Umgebung, Berlin 1937
20) J. ERNST-WEIS (1937): Vantoux S. 25ff, Méy S. 40ff
21) J. ERNST-WEIS (1937): Scy S. 21ff, Baronweiler S. 48ff
22) J. ERNST-WEIS (1937): S. 90
23) J. ERNST-WEIS (1937): S. 90, Anm. 8 a
24) J. ERNST-WEIS (1937): S. 91
25) J. ERNST-WEIS (1937): S. 91, E. LEHMANN (1938): S. 139 datiert den Metzer Dom 2. V. 11. Jhdt.
26) E. LEHMANN (1938): S. 91
27) Vgl. die Verbreitungskarten bei E. LEHMANN (1938): Taf. 304 - 308
28) J. ERNST-WEIS (1937): Vantoux, Mey, Scy, Baronweiler, St. Peter auf der Zitadelle zu Metz (?)
29) Nach Meinung von E. LEHMANN (1938):S. 96 bildet St. Pantaleon in Köln einen frühen Ausgangspunkt für den Westchorturm.
Zum Unterschied zwischen den Gliederungen der rheinischen und niedersächsischen bzw. westfälischen Westtürme vgl.: H. MAUE (1975): Rheinisch-staufische Bauformen und Bauornamentik in der Architektur Westfalens, Köln 1975, S. 155ff
30) E. BACHMANN (1941): Kunstlandschaften im romanischen Kleinkirchenbau Deutschlands, in: Zschr. d. deutschen Vereines f. Kunstwissenschaft 8, 1941, S. 159ff
31) Die Ableitung der Westanlage vom nordischen Kulturgut vertritt vor allem K. GINHART (1937).
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